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Rotthausen
Unsere Herzen in
Dresden
Der 33. Evangelische Kirchentag 1.-6.6.2011
„... da wird dein Herz auch sein“ Matthäus 6, 21
Mittwoch, 1.6.2011
Dieses Jahr fahren wir wieder mit dem Sonderzug, der hat zwar in Essen bereits
Verspätung, die sich am Ende auf 45 Minuten summiert, aber es ist allemal
besser als im Reisebus.
Die Grundschule im Gompitz ist sehr schön renoviert, der Empfang dort ist herzlich,
und einige aus unserer Gruppe sind auch noch schnell genug für den
Eröffnungsgottesdienst, ich allerdings nicht.
In Gompitz gibt es ein nettes Schnitzelschnellrestaurant namens Schnizz, für
den Vegetarier gibt es Käseecken und Camembert.
Anschließend fahren wir zum Altmarkt nach Dresden, dort erwarten uns zunächst
die „Medlz“, eine A-Capella-Frauenband, die u.a. „Barbie Girl“ zum Besten gibt.
Anschließend treten die Prinzen mit Bandverstärkung auf, spielen alle ihre Hits
und begeistern das Publikum. Dieses Konzert ist bereits ganz am Anfang der
Höhepunkt des gesamten Kirchentags, und das mit den Händen geformte Herz ist
auch schon vielfach zu sehen.
http://www.youtube.com/watch?v=-eygNVHwOHE
http://www.youtube.com/watch?v=-8TKIbBDkTQ
Anschließend ist auf der Elbe und am Elbufer ein Lichtermeer zu genießen, und
der Abendsegen rundet den Tag ab.
Donnerstag, 2.6.2011
Wir machen uns auf zum Zentrum Kinder rund um das Deutsche Hygiene-Museum, aber
leider ist die Bibelarbeit überfüllt, und wir kommen nicht hinein. Die erste
Bibelarbeit seit Jahren, die ich nicht mitbekomme.
Draußen gibt es einen Parcours mit alten Handwerkskünsten wie zur Zeit Christi,
außerdem einen Fußballkäfig und einen Geschicklichkeitsparcours.
Am helllichten Tag wird ein Weihnachtsmusical aufgeführt: „Der vierte König“
(Gab es den?). Viele Akteure stehen auf der Bühne, darunter auch schlechte
Solosänger. Also diese Aufführung möchte ich nicht weiterempfehlen.
Es gibt hier noch ein Zirkus-Übungszelt, in dem man Jonglierbälle in die Luft
werfen kann und ein Spielezelt mit Mensch-Ärgere-Dich-Nicht.
Im Großen Saal zeigt dann noch der Zirkus Applaudino aus Zittau seine Künste
auf der Laufkugel und mit Diabolos.
Essen gehen wir im Vapiano in der St. Petersburger Str. 26, Pizza und Nudeln,
recht frisch zubereitet.
In der Prager Str. die vom Hauptbahnhof aus nach Norden führt, wurden
aufgehübschte Plattenbauten mit moderner Glasarchitektur zu einer schönen
Fußgänger- und Einkaufszone verbunden.
Am Goldenen Reiter in der Neustadt gibt es im Eiscafé Venezia köstliches, wenn
auch teures Eis.
Zu Abend gegessen wird im Szeneviertel der Neustadt zwischen Alaunstr. Und
Louisenstr. Im Max, Louisenstr. 65.
http://max-dresden.de
Freitag, 3.6.2011
Zur Bibelarbeit geht es in die Technische Hochschule. Text: 5. Mose 30, 6-20:
Der Stimme des Herrn und seinen Geboten gehorchen. Es referiert Bischof Kameta
von der Ev.-Lutherischen Kirche Namibias, auf Englisch. Die Bibelarbeit will er
in den heutigen Lebenszusammenhang stellen.
Der Tsunami hat ihm gezeigt, dass der Mensch die Welt zerstört. Ohne Hilfe ist
unser Planet auf der Intensivstation. Wir brauchen die Gnade Gottes. Die
Reichen konsumieren und beuten aus und denken dabei nicht einmal an ihre
eigenen Kinder.
Der CO2–Ausstoß steigt weiter. In der Wüste Namibias wird nach Uran gesucht.
Arbeitslose tauchen nur in den Reden, nicht aber in den Taten auf.
Auch das Volk Israel hatte schon nicht auf den Herrn gehört. Moses ruft die
Israeliten zur Umkehr auf: Sie sollen sich wieder Gott zuwenden. Sie sollen zu
Gott gehen, er nimmt eine gründliche Reinigung des Herzens vor. („healing of soul, heart and mind“).
Moses fordert Israel heraus, sofort und endlich eine Entscheidung zu
treffen.
Dann springt Kameta wieder in die heutige Zeit: Die deutsche Regierung
hat erst auf Fukushima reagiert und den Atomausstiegsbeschluss gefasst. Das ist
zwar gut, aber dennoch traurig. „God
is life“.
Fazit: Kameta hat zwar nur Richtiges gesagt, dennoch bleibt seine
Auslegung flach; Neues hat er nicht berichtet, und wie das menschliche Handeln
aussehen könnte hat er nicht gesagt. Oder soll man nur glauben, und dann wird
alles besser?
Wir bleiben in der Technischen Hochschule, die Veranstaltung heißt „Klimaschutz
möglich machen – Fukushima, das Ende der Atomenergie?!“.
Der große Hörsaal ist voll.
Prof. Dr. Dr. hc. Günter Altner, Biologe und Theologe aus Berlin verweist auf
die christliche Schöpfungsverantwortung, die technologiekritisch, nicht
technologiefeindlich sei. Der Ausstieg ist möglich, z.Z. gibt es aber kein
konsistentes Programm des Aus- und Umstiegs, kein fundamentales Programm. Die
Politik ist schlecht und unsolide. Es gibt öffentlichen Diskursbedarf. Die
Bürger haben ein gutes Recht, an der Vollendung der Energiewende mitzuwirken.
Was macht Steinmeier auf dem Podium? Ist er plötzlich Experte für
Energiepolitik? Er positioniert sich als Befürworter dezentraler
Energieversorgung, und „moralische Besserwisserei“ sei ein schlechter Ratgeber.
(Ist Moral Besserwisserei?)
Bischof Gerhard Ulrich, Kiel, sagt: „Der Mensch ist fehlerhaft, aber die
Atomenergie ist nicht fehlerfähig.“
Altner hat viel von Notwendigkeiten gehört, fordert aber ein Konzept ein.
Steinmeier weist darauf hin, dass seine Generation an den Bauzäunen von
Brokdorf und Wackersdorf gerüttelt habe. (Er auch?)
Er bemüht Helmut Schmidt (heute wieder sehr beliebt), der schon 1985 gesagt
habe: „In 15 Jahren wissen wir mehr!“ Und dann habe man 15 Jahr später mehr
gewusst. (Aber war nicht Schmidt schon in den 1970er Jahren ein Befürworter und
Förderer der Kernenergie, als andere schon sehr viel über deren Gefahren
wussten?)
Warum sagt Steinmeier nicht einfach: Früher habe ich anders gedacht, ich habe
mich geirrt, nun habe ich mich, wenn auch spät, vom Befürworter zum Gegner der
Kernenergie gewandelt.
In der Mensa essen wir Pizza, wir bummeln durch die aufgehübschte Prager Str.,
in die Frauenkirche zum Politiktalk mit Biedenkopf kommen wir wegen Überfüllung
nicht.
Stattdessen machen wir eine Dampferfahrt auf der Elbe, sehen die Baustelle der
Waldschlösschenbrücke, die dem Dresdener Elbtal den Status des Weltkulturerbes
kosten wird, wir sehen das „Blaue Wunder“, eine wunderbar blaue Brücke,
Schillers Biergarten und die Standseilbahn, die dorthin hinaufführt, wo
Tellkamps „Turm“ spielt.
Im Max Altstadt, Wilsdruffer Str. 24, essen wir, dann geht es nebenan zum
Altmarkt zur Nacht der Lieder mit Bittlinger, Schöne und Kunze, und ich muss
Abbitte tun: Kunze ist richtig gut. Die Engel der Christoffel-Blindenmission
werden durch die Luft gewirbelt.
In mir klingt eine Musik, wunderbar!
http://www.youtube.com/watch?v=8_l6HW-iO9U
Samstag, 4.6.2011
Wieder geht es in die Technische Hochschule zur wiederum auf Englisch
stattfindenden Bibelarbeit. Text: Matthäus 6, 19-34: Man soll keine Schätze auf
Erden sammeln.
Es spricht Father Michael Lapsley, der in Südafrika gegen die Apartheid
gekämpft hat, durch ein Briefbombenattentat verlor er beide Hände und ein Auge,
er blättert seinen Text mit seinen Hakenhänden um, damit greift er auch nach
dem Wasserglas und erteilt am Schluss mit ihnen den Segen. Er ist dennoch ein
ungebrochener und lebensfroher Mensch. Weil er Geburtstag hatte, wird „Wie
schön, dass du geboren bist“ gesungen.
Er verweist zunächst auf seine Kindheit als Brite, auf den Zweiten Weltkrieg:
Das Bombardement Dresdens war ein Verbrechen. Beide Seite hatten moralische
Grenzen überschritten. Es tut ihm Leid. Der Kirchentag ist für ihn „healing of
old wounds“.
Bei der Vorbereitung der Bibelarbeit hat er sich helfen lassen. Zunächst hat er
seine Facebookfreunde gefragt. Das war aber nicht genug, und er hat seine
Freunde aus allen Religionen gefragt und hat ganz viele Antworten bekommen, aus
denen er vorträgt.
Alle Befragten gehen vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Erfahrungen
subjektiv an den Text heran. Die Frage stellt sich: Wie ist Eure Situation,
Euer persönlicher Hintergrund?
Auch der Text fragt nach unseren Prioritäten. Wir sollen auf unser Leben
blicken. Man kann zwar nicht zwei Herren dienen, aber in unserer
Lebenswirklichkeit haben wir schon mehrere. Lapsleys Priorität war die
Befreiung Südafrikas.
Gottes Projekt bezieht sich
bereits auf das Diesseits: „Social conversion on Earth, not only in Heaven. Und
konkret: „No macro-economic justice without micro-economic justice“.
Alle Menschen sind in der Regel Opfer und Täter zugleich.
Man soll mit den Armen sein, nicht nur für sie.
Der Text ist eine fundamentale Herausforderung des Neoliberalismus.
Er stellt sich quer zu heutiger Politik und Konsumentenwerbung.
„Jesus didn´t have a Rolex“.
Es muss eine nachhaltige Alternative zur Wachstumsideologie geben.
Was sind die Schätze der heutigen Zeit? Das Öl? Oder Gerechtigkeit, Fairness,
Freundlichkeit, also menschliche Tugenden?
Der Mensch hat die Wahl zwischen Leben und Tod. Gott ist immer bei mir, er ist
mein täglicher Helfer. Und zur
Lebensfreude: „If you worry, you die, if you don´t worry you still die.“
http://healingofmemories.blogspot.com/2011_06_01_archive.html
In der folgenden Veranstaltung geht es um den Weltarmutsbericht „Ernährung
Macht Armut“
Barbara Unmüßig, Heinrich-Böll-Stiftung, Carolin Collenius, Brot für die Welt,
Konrad Reiser, ehemaliger Generalsekretär der ÖAK sitzen auf dem Podium.
Hörsaal 4 ist voll.
Unmüßig referiert: Die Armen brauchen Kraft und Macht, um sich selbst aus dem
Elend zu befreien. ¾ der Hungernden leben auf dem Land. Frauen machen 60% der
weltweit Hungernden aus. Die meisten Hungernden gibt es in Afrika, auch in
Indien machen sie 21 % der Bevölkerung auch, in China 10%. (Das sind 240
Millionen Menschen, trotz schnell wachsender Volkswirtschaft). Eigentlich ist
genug für alle da. Gründe für die Armut: 1.) wetterbedingter Klimawandel,
Missernten. 2.) Anbau von Lebensmitteln (Mais) für Treibstoff. 3.) Spekulation
mit Lebensmitteln an den Warenterminbörsen. Von Bedeutung sind auch der Wandel
der Konsumgewohnheiten: Konsum von Fleisch und Weizen der neuen Wohlhabenden in
den Schwellenländern. Fleischexporteure wie Deutschland importieren immer mehr
Futtermittel aus der 3. Welt. 116 Millionen Tonnen Mais (1/5 der weltweiten
Getreideproduktion) verarbeiten die USA zu Bioethanol.
Callenius zeigt Perspektiven auf: Der Welternährungsbericht fordert die
spezifische Förderung von Kleinbauern und nachhaltiger Landwirtschaft. Probleme
sind die Übernutzung natürlicher Ressourcen (Wasser), die Forschung, die auf
industrielle Landwirtschaft setzt, die fehlende Orientierung an
kleinbäuerlichen Bedürfnissen und Umweltschäden durch intensive Landwirtschaft
und die damit verbundene Bodendegradation.
Mittagessen in der Mensa: Lasagne. Dann auf zum Messegelände, zum Markt der
Möglichkeiten, Landesjugendpfarrer Udo Bußmann weist darauf hin, dass im
Landesjugendplan keine zusätzlichen Mittel für Offene Kinder- und Jugendarbeit
vorgesehen sind, ich kaufe eine Kinderbibelwochenmappe zum Thema „Taufe“, es
gibt fair gehandelten Kaffee; Abendessen gibt es in der Neustadt im
Scheunecafé, Alaunstr. 36-40. Schöner Biergarten, das Essen lecker und indisch
angehaucht.
http://www.scheunecafe.de
Der Abend klingt auf dem Altmarkt aus mit der tschechischen Rockgruppe
Gipsy.CZ, einen Teufelsgeier haben sie auch dabei, Romano Hip Hop.
Sonntag, 5.6.2011
Wir haben für das Sonntagsbrunch im Max Altstadt reserviert, wo wir draußen sitzen
und unser Gepäck um uns herum drapieren können. Das Essen ist köstlich und
umfangreich, und Prosecco inklusive sind 12,50 EUR keineswegs zu viel.
Zum Hauptbahnhof sind es nur wenige Haltestellen, und unser Sonderzug fährt ja
erst um 13.39 Uhr. Drinnen ist es zwar heiß, aber die Fenster lassen sich
öffnen, und so muss der Zug nicht evakuiert werden wie manch ein Intercity. Ich
sitze gern in der 1. Klasse von vor 50 Jahren. Und siehe da, der Zug kommt
sogar pünktlich in Essen an. Zu Hause kurz vor 22 Uhr.
Ralf Müller